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Kinderbüro Basel: Von kindgerechter Partizipation und früher Demokratiebildung

Das Basler Kinderbüro setzt sich dafür ein, dass Kinder ihre Ideen, Sichtweisen und Bedürfnisse einbringen können – dort, wo für sie Entscheidungen getroffen werden. Das Kinderbüro führt Projekte durch, die den Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen fördern. Das Team berät Fachpersonen, leitet und begleitet Beteiligungsprozesse und vertritt Kinderanliegen in Gremien und Projektgruppen.

Deborah Berger hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet beim Kinderbüro seit 5 Jahren als Projektleiterin. Bereits während ihres Studiums hat sie sich im Rahmen einer schriftlichen Arbeit mit einem Projekt des Kinderbüros auseinandergesetzt und war begeistert davon, wie viele verschiedene Aspekte an diesem Ort zusammenkommen. Wir haben uns mit ihr getroffen und über die Stärkung von Selbstwirksamkeit, den Spionagerundgang auf dem Pausenplatz und den vollen Rathaussaal gesprochen.  

Deborah, das Kinderbüro ist sich sicher: Für Kinderbeteiligung ist es nie zu früh! Warum sollten bereits Kinder im Kitaalter ihre Sichtweisen einbringen dürfen?

Wir beziehen uns in unserer Arbeit auf die UN-Kinderrechtskonvention, die auch die Schweiz ratifiziert und sich damit verpflichtet hat, dafür zu sorgen, dass die Kinderrechte in der Schweiz umgesetzt werden. Dazu gehört das Recht auf Beteiligung. Das heisst, Kinder haben grundsätzlich ein Recht darauf, bei Themen und Entscheidungen, die sie betreffen, miteinbezogen zu werden – von Geburt an. Natürlich sieht die konkrete Umsetzung für Kleinkinder anders aus als für Jugendliche. Gerade bei sehr jungen Kindern liegt der Fokus stärker auf alltäglichen Interaktionen. Es geht darum, die nonverbalen Signale des Kindes wahrzunehmen, das Bedürfnis dahinter zu erkennen und darauf bezogene Angebote zu machen. Wir sind davon überzeugt, dass es uns so gelingt, eine erste Grundlage für eine spätere Partizipation zu schaffen und die sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung zu fördern. Kinder, deren Bedürfnisse ernst genommen werden, lernen, dass ihr Handeln eine Wirkung erzeugt und auf Resonanz stösst.

Welche Rolle spielt die Schule in diesem Prozess?

Die Schule ist ein bedeutsamer Sozialisationsort, der vielfältige Möglichkeiten für Partizipation bietet. Im Rahmen von Schulprojekten, der Mitwirkung im Klassenrat, der Aushandlung von Regeln und der Mitgestaltung von Lernräumen lernen Kinder, ihre Interessen zu vertreten, andere Perspektiven zu berücksichtigen und Verantwortung für gemeinschaftliche Entscheidungen zu übernehmen. Somit leisten Schulen einen wichtigen Beitrag, um das Miteinander und demokratische Kompetenzen zu stärken.

Welche Projekte werden durch das Kinderbüro umgesetzt und betreut?

Programme, die wir als Kinderbüro regelmässig durchführen, sind beispielsweise KinderMitWirkung, PolitKids und PolitTeens und die Rathausführungen für Schulklassen. Neben unseren fixen Angeboten arbeiten wir sehr oft im Auftragsverhältnis – oft im Bereich der Quartier- und Stadtentwicklung. Das heisst, wir werden von Fachpersonen, Gemeinden oder Organisationen angefragt und konzipieren und begleiten massgeschneiderte Beteiligungsprojekte. Zum Beispiel werden wir aktiv, wenn es darum geht, einen Pausen- oder Spielplatz neu zu gestalten. Uns interessiert, wie Kinder Orte nutzen und welche Verbesserungsvorschläge sie für eine Neugestaltung haben. Oft nehmen wir in den Projekten eine Vermittlerrolle ein und versuchen, die Perspektiven der Kinder und Erwachsenen zusammenzubringen und so den Dialog zu fördern, um zu guten Lösungen zu kommen. Wir beraten auch Fachpersonen, wie sie in ihrem spezifischen Kontext Kinder wirkungsvoll und nachhaltig in Projekte und Entscheidungen miteinbeziehen können.

Angenommen ein Pausenplatz soll neu gestaltet werden. Wie läuft so ein Projekt ab?

Der Prozess ist immer unterschiedlich und wird auf den konkreten Auftrag hin konzipiert. Wir arbeiten jeweils mit einer Kombination aus spielerischen Methoden. Dazu kann zum Beispiel ein sogenannter Spionagerundgang gehören. Dafür bekommen die Kinder eine Polaroidkamera und fotografieren ihren absoluten Lieblingsort auf dem Pausenplatz und einen Ort, den sie gar nicht mögen. Zurück im Klassenzimmer füllen sie das Spionageprotokoll aus, auf das sie die Fotos kleben, und sie halten fest, warum sie den Ort mögen bzw. nicht mögen, was sie an den beiden Orten machen und welche Verbesserungsvorschläge sie haben. Auch das Kreieren eines Modells gehört zu den Methoden, die wir gerne anwenden. So sehen die Kinder ihren Wunschpausenplatz plastisch vor sich. 

Das Kinderbüro bezeichnet Kinder als die Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt. Was ist damit gemeint?

Wir meinen damit, dass Kinder ihren Alltag grundsätzlich anders erleben als Erwachsene. Sie haben eine eigene Perspektive darauf, was sie brauchen, was gut funktioniert und was ihnen guttut. Wir sind davon überzeugt, dass ohne diese Sichtweise wichtige Aspekte unsichtbar bleiben. Ein gutes Beispiel dafür ist die Verkehrssicherheit; Kinder nehmen mit ihrer kleineren Grösse den Schulweg anders wahr als Erwachsene. Wenn es also darum geht, den Schulweg sicher zu gestalten, profitieren wir davon zu erfragen, welche Situationen die Kinder als gefährlich einstufen.  

Gibt es Bedürfnisse und Anliegen, die Kinder im Rahmen der verschiedenen Projekte immer wieder äussern?

Werden Kinder nach einer kinderfreundlichen Stadt gefragt, wird häufig der Wunsch nach mehr Natur genannt, nach mehr Grünflächen im Quartier, in der Stadt und auf dem Pausenhof. Dabei denken die Kinder oft auch die Tierwelt mit und formulieren Anliegen, die diese schützen soll.

Da Kinder viel Zeit in der Schule verbringen, machen sie sich auch darüber viele Gedanken. So wünschen sich Kinder oft einen späteren Schulanfang oder dass jedes Kind die erste Lektion selbst gestalten darf, um gut in den Tag zu starten. Kinder möchten auch weniger Hausaufgaben lösen müssen, damit sie mehr freie Zeit haben. Sie argumentieren, dass zuhause nicht jedes Kind die gleiche Unterstützung erfährt und es Kinder gibt, die kein eigenes Zimmer haben, in das sie sich zurückziehen können. Kinder wünschen sich auch sicherere Velowege, da sie sich gerade in der Stadt oft unsicher fühlen, wenn sie mit dem Velo unterwegs sind.

Wie reagieren die Politikerinnen und Politiker darauf, wenn die Kinder ihre Vorschläge in das Rathaus bringen?

Wir gehen im Rahmen unterschiedlicher Projekte in das Rathaus, dazu gehören PolitKids und PolitTeens. An zwei Vorbereitungsnachmittagen sprechen wir mit den Schülerinnen und Schülern darüber, was Politik grundsätzlich ist und über das politische System in Basel. Es geht aber auch schnell darum, eigene Themen zu sammeln. Relativ zeitnah gehen wir in Kleingruppen in das Rathaus und die Kinder bekommen die Gelegenheit, ihre Themen mit den Grossratsmitgliedern zu diskutieren. Wir vom Kinderbüro moderieren das Gespräch. Diese Momente sind auch für mich jeweils sehr bereichernd. Ich erlebe, dass die Politikerinnen und Politiker die Kinder ernst nehmen, nachfragen und gewisse Anstösse der Kinder in ihre eigene politische Arbeit mitnehmen. Wir bekommen das Feedback, dass es sie ermutigt und motiviert zu sehen, dass es eine nächste Generation gibt, die sich differenziert mit Themen auseinandersetzt, die die Stadt betreffen.

Im Rahmen des Projekts KinderMitWirkung erarbeiten die Kinder ihre Themen über einen längeren Zeitraum hinweg und präsentieren ihre Anträge abschliessend im Rathaus – vor rund 100 Menschen und einem Vertreter, einer Vertreterin des Regierungsrats. Ich finde es beeindruckend, wie die Kinder in einem vollen Saal für ihre Themen einstehen, mit so einer Sicherheit und einem Commitment für ihr Thema, aber auch mit so einer Kreativität und Freude. Die Kinder sind vor der Präsentation oft sehr nervös, nachher hören wir aber oft, dass es Spass gemacht hat.

Wie gehst du mit (Lösungs-)Vorschlägen der Kinder um, die unrealistisch sind?

Wenn Kinder eine Idee haben, die nicht umsetzbar ist, versuchen wir einen Schritt zurückzumachen und herauszufinden, welches Bedürfnis hinter der Idee steht. So können wir darüber sprechen, ob es vielleicht einen alternativen Weg gibt, um diesem Bedürfnis zu begegnen. Und wenn etwas einfach nicht umsetzbar ist, dann machen wir das transparent. Es ist für die Kinder wertvoll, wenn sie lernen, dass nicht alles möglich ist – es geht schliesslich um den Austausch, das Aushandeln und das demokratische Miteinander.

Was verändert sich an Schulen, wenn Kinder und Jugendliche stärker miteinbezogen werden?

Wenn die Kinder an einem Ort, an dem sie so viel Zeit verbringen, mitreden und mitgestalten dürfen, dann erhöht sich mit grosser Wahrscheinlichkeit ihr Zugehörigkeitsgefühl. Wenn sich Menschen mit einem Ort identifizieren, dann sind sie auch eher bereit, Verantwortung zu übernehmen, sich einzubringen und sich zu engagieren. Das wiederum wirkt sich positiv auf das Schul- und Lernklima aus. Das Einführen eines Schulparlaments führt zu frischen Ideen und trägt zur gemeinsamen Schulentwicklung bei – die Schule bleibt in Bewegung.

Die Kinder erfahren sich in ihrer Selbstwirksamkeit und erleben, dass ihre Umwelt gestaltbar ist und sie etwas bewirken können. Auch das Formulieren von Argumenten ist eine wichtige Lernerfahrung. Dabei müssen sich die Kinder überlegen, was ihnen wirklich wichtig ist und wie sie sich Orte oder Gegebenheiten anders vorstellen würden. Der Dialog und die Perspektivenübernahme werden geübt und auch das gemeinsame Aushandeln von Lösungen.

Was wünschst du dir für die Zukunft des Kinderbüros?

An den Schulen treffe ich immer wieder engagierte Lehrpersonen und Schulleitungen an und an vielen Standorten Klassenräte und Schulparlamente. Dort liegt aus meiner Sicht ein grosses Potenzial. Mein Wunsch wäre es, zusammen mit einer Schule Partizipation weiterzuentwickeln und damit neue Wege zu finden, wie Schülerinnen und Schüler ihre Schule noch selbstverständlicher und niederschwelliger mitgestalten können.