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Sistierung der «Täglichen Sport- und Bewegungsstunde» in Luzern

Erfolgreiches Projekt überraschend abgesetzt

Die «Tägliche Sport- und Bewegungsstunde», welche im Jahr 2005 als Pilotprojekt in Luzern eingeführt wurde und während zwölf Jahren erfolgreich lief, wurde letztes Jahr überraschend abgesetzt. Ein Gespräch mit dem Projektinitiator Flavio Serino über die Wichtigkeit der täglichen Bewegung und verpasste Chancen.

Wie kam es zur «Täglichen Sport- und Bewegungsstunde» und deren Einführung im Jahr 2005 in Luzern?

Flavio Serino: Im Rahmen meiner Masterarbeit an der ETH Zürich zur Erlangung des Sportlehrerdiploms habe ich gemeinsam mit einem Kommilitonen eine Projektvorlage zur Umsetzung einer täglichen Sport- und Bewegungsstunde an Schweizer Schulen konzipiert. Ziel war es, konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für eine Luzerner Pilotschule zu planen. Dass es dann auch effektiv geklappt hat mit der Implementierung im Pionierschulhaus in der Stadt Luzern, hatte viel mit weiteren in den Prozess engagierten Personen zu tun. Auf strategisch-politischer Ebene wäre da sicherlich Stephan Zopfi, ebenfalls Autor im INGOLDVerlag und strategischer Co-Projektleiter des Projekts, zu nennen; dann aber vor allem auch die Schulleiterin und das gesamte Lehrpersonenteam vor Ort, das vorbehaltlos und topmotiviert an die Sache heranging. Dass die Eltern der Kinder von Anfang an hinter dem Projekt standen, war sicherlich auch von Vorteil.

Mit welchen Vorbehalten hatten Sie bei der Einführung zu kämpfen?

Der Stundenplan der Kinder veränderte sich etwas. Die Kinder hatten aufgrund der Erhöhung von 3 auf 5 Bewegungslektionen pro Woche 1 Lektion mehr im Stundenplan als andere Kinder der gleichen Schulgemeinde. Eine weitere Lektion wurde zu Gunsten anderer Lerninhalte kompensiert. Effektiv konnten ‘unsere’ Kinder also pro Woche eine Schulstunde weniger an Inhalten der Mathematik, Deutsch oder anderer Fachbereicher arbeiten. Dies führte zur Befürchtung, dass die Kinder dadurch weniger lernen würden oder gar ins Hintertreffen gegenüber anderen Schülerinnen und Schülern gelangen könnten.

Hat sich diese Befürchtung bewahrheitet?

Das Gegenteil war der Fall. In einer von der wissenschaftlichen Abteilung der PH Luzern begleiteten Studie konnten wir nachweisen, dass die Kinder der Projektschule in einem international anerkannten Konzentrationsleistungstest im Vergleich zu einer Kontrollschule deutlich bessere Resultate erzielten, und dies bereits acht Monate nach Einführung der täglichen Sportstunde. Das heisst, die Kinder sind aufnahmefähiger und können sich besser konzentrieren. Dies bestätigten auch die Gespräche mit Lehrpersonen, die nie Mühe mit dem Erreichen inhaltlicher Lernziele in den Kernfächern bekundeten, was im Übrigen auch eine Vorgabe der Projektleitung war und immer eingehalten werden konnte.

Welche Veränderungen ergaben sich noch?

Die Bewegungsstunden sollten so im Stundenplan verteilt werden, dass an jedem Tag eine Bewegungslektion stattfand. Das führte dazu, dass es keine Doppelstunden Sport mehr gab, was zu stundenplantechnischen Herausforderungen, aber auch zu einer anderen Lektionsgestaltung durch die Lehrpersonen führte. Zur Entspannung trug bei, dass konzeptionell eine Lektion bei jedem Wetter (!) im Freien stattfand, und dass eine Fachlehrperson Sport eine der vier Hallenlektionen unterrichtete, wo besonders an der «Koordinationsschulung» gearbeitet wurde. Weiter gab es auch mehr Absprachen zwischen den Lehrpersonen, sodass zum Beispiel Gerätelandschaften über einen halben oder ganzen Tag stehen gelassen wurden, um so Synergien zu nutzen.

Welche Rückmeldungen erhielten Sie während des Projekts?

Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv und das war auch immer wieder Triebfeder dafür, dass sich nach zwei Jahren mehr und mehr Schulhäuser dem Projekt anschlossen. Gegen Ende des Projekts bewegten wir rund 1'200 Kinder in sechs Primarschulhäusern der Stadt Luzern täglich. Kinder bewegen sich im Primarschulhaus sowieso gerne und viel. Sie braucht man in der Regel auf dieser Stufe nicht zu motivieren. Hier gilt es aber, eine positive Haltung für eine gesunde Bewegungsaktivität aufzubauen. Dies war auch das übergeordnete Ziel der täglichen Sportstunde: Kinder sollten sich auf natürliche Art und Weise ohne Druck an eine tägliche Dosis Bewegung gewöhnen und diesen Habitus bis ins Erwachsenenalter beibehalten.

Inwiefern war das Projekt erfolgreich?

Dass das Projekt einen effektiven Nutzen hat, konnten wir durch weitere Studien im Bereich der Gleichgewichtsfähigkeit und des Body-Mass-Indexes (BMI) aufzeigen. Kinder mit der «Täglichen Sport- und Bewegungsstunde» verfügen über ein besseres Gleichgewicht als Schülerinnen und Schüler anderer Schulen. Dies ist aus bewegungswissenschaftlicher Sicht sehr relevant, da die Gleichgewichtssteuerung beim Bewegungshandeln zentral ist und beispielsweise auch unfallpräventiv wirkt. Die Übergewichtsproblematik ist unlängst bekannt, und auch wenn seit dem letzten BMI-Monitoring die Zahl der übergewichtigen Kinder bei rund 20% stagniert, ist das Thema nach wie vor aktuell. Auch hier konnten wir nachweisen, dass Kinder, die sich verpflichtend täglich bewegen, im Vergleich zu anderen Kindern tiefere Werte aufweisen.

Dennoch wurde das Projekt per Ende des vergangenen Schuljahres überraschend abgeschafft.

Die Enttäuschung über die Sistierung des Projekts war und ist natürlich bei allen Beteiligten gross; insbesondere bei den Kindern und den Eltern. Das zeigte sich auch daran, dass wir innerhalb von zwei Wochen 800 Stimmen für eine Volksmotion beisammen hatten, die eine Wiedereinführung der täglichen Sportstunde forderte, was nun vom Stadtparlament Luzern letzten Oktober leider abgelehnt wurde. Mit der «Täglichen Sport- und Bewegungsstunde» haben wir aus präventiver Sicht einen kostengünstigen Ansatz aufgezeigt, denn die Kosten aufgrund von Folgekrankheiten von Übergewicht bewegen sich jährlich im mehrstelligen Millionenbereich. Dass diese wissenschaftlichen Fakten von Entscheidungsträgern einfach ignoriert – zum Teil sogar negiert! – werden, erstaunt mich doch immer wieder sehr.

Bestehen nicht bereits genügend andere Bewegungsprojekte?

Andere bewegungsfördernde Projekte, wie beispielsweise der «freiwillige Schulsport», sind gut, laufen aber oft an der entscheidenden Zielgruppe vorbei: Kinder, die bereits übergewichtig sind, oder Kinder, die nicht so bewegungsaffin sind, besuchen keine freiwilligen Bewegungsförderungsangebote. Die tägliche Sportstunde war verpflichtend für alle Kinder in den Stundenplan integriert; das ist ein wichtiger Aspekt und war ein Novum in der Schweiz. Bildungspolitisch hätte man sich hier zudem mit diesem schweizweit einzigartigen Bewegungsprojekt brüsten können: Nur die Österreicher sind so gut wie die Luzerner, denn die setzen seit dem Schuljahr 17/18 die «Tägliche Turnstunde» flächendeckend um.

Warum setzen Sie sich für mehr Bewegung ein?

Natürlich ist Bewegung und Sport vor allem auch aus Sicht der Gesundheitsprävention relevant, da es sich um ein ‘günstiges Medikament’, quasi um einen präventiven Impfstoff für die eigene Gesundheit handelt. Dieser Aspekt ist eigentlich legitimiert und wissenschaftlich fundiert aufgearbeitet, muss aber immer wieder herausgestrichen und weiterbearbeitet werden. Bewegung und Sport tragen aber auch enorm viel zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Sozialisation bei. Gerade im Kinder- und Jugendalter leistet der Sport hier nützliche Dienste. Dann ist es sicher auch so, dass man gerade in der Schule im Sport gut an sogenannten «überfachlichen Kompetenzen» arbeiten und diese fördern kann. Ich bin überzeugt von der verbindenden und positiven Energie des Sports. Deswegen ist dieses Fach nebst den zuvor erwähnten Belangen so wichtig für die Schülerinnen und Schüler – immer in der Hoffnung, dass man durch gut angeleitete Bewegungssequenzen eine positive Haltung gegenüber Bewegung und Sport aufbauen kann, was dann hoffentlich zu einem lebenslangen positiv behafteten «Sich-Bewegen» führt.

Was sollte sich generell punkto Bewegung verändern?

Dass sich der Bund beispielsweise vor Jahren für eine Ausweitung der Sportförderung entschieden hat, ist lobenswert. Dennoch ist es so, dass man auch in Bundesbern immer mal wieder versucht, das 3-Stunden-Obligatorium des Sports in der Schule zu hinterfragen oder aufzuweichen. Davor warne ich eindringlich. Die Folgen wären verheerend. Ich erlaube mir auch einen kleinen Appell an die Eltern: Sie sind Vorbilder für ihre Kinder. Eine Studie aus dem anglo-amerikanischen Raum zeigt beispielsweise, dass der wichtigste Einflussfaktor für die Bewegungszeit von Kindern die Bewegungszeit der Eltern ist. Es wäre wünschenswert, wenn Eltern ihre Kinder zu mehr Sport in der Freizeit animieren oder sich eben am besten gleich gemeinsam mit ihnen sportlich betätigen würden.

Flavio Serino, Ihr persönliches Schlusswort?

In Zeiten von Gaming und E-Sports (das im Übrigen kein wirklicher Sport ist und diesen Begriff missbräuchlich verwendet!) gilt es, ganz besonders die physische Aktivität zu fördern und zu stärken. Unsere teils passive Lebensweise (viel Sitzen, Fernsehen und Gamen, passives Mobilitätsverhalten usw.) zwingt uns gerade dazu, uns vermehrt zu bewegen. Wenn man dies noch auf lustvolle Art und Weise tun kann, ist es dann eben kein Müssen, sondern ein Dürfen. Eine solche Haltung gilt es bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu entfalten. Wenn uns das gelingt, haben wir schon viel erreicht.

 

Flavio Serino

Autor der Fächerreihen «Im Freien» und «Koordinative Fähigkeiten», Projektinitiator und Operativer Co-Leiter des Projekts «Tägliche Sport- und Bewegungsstunde», Dozent Fachbereich Bewegung und Sport an der PH Luzern.

 

Die Geschichte der «Täglichen Sport- und Bewegungsstunde»

Die in den Stundenplan integrierte tägliche Sportstunde war von der Stadt Luzern 2005 als Pilotprojekt eingeführt worden. 2017 wurden die zusätzlichen Bewegungslektionen gestrichen. Elternvertretungen lancierten zusammen mit der Projektleitung eine Volksmotion, in welcher sie den Stadtrat aufforderten, seinen Entscheid zurückzunehmen. Die mit Mehrstunden verbundene Einführung des Lehrplans 21 gilt vordergründig als Hauptargument, tatsächlich habe jedoch weder ein finanzieller noch ein politischer Druck bestanden, die Stunde zu streichen, so die Motionäre. Der Grosse Stadtrat hat den Bevölkerungsantrag für die Fortsetzung der täglichen Bewegungsstunde an Stadtluzerner Primarschulen jedoch abgelehnt. Die positiven Errungenschaften des Projekts sollen jedoch ab dem Schuljahr 2020/21 in den Unterricht integriert werden. Wie genau, ist offen.

 

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