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Frühschulische Leseförderung: Freude am Lesen wecken

Die Rubrik «Zyklus 1 im Fokus» haben wir speziell für den Kindergarten und die 1. und 2. Klasse entwickelt. Beim Recherchieren und Schreiben stellen wir die Bedürfnisse der Kindergarten- und Schulkinder in den Mittelpunkt, so dass wir Ihnen unterrichtsrelevante Themen, Tipps und Tricks für den Alltag als Lehrperson und spannende Spiel- und Bastelideen vorstellen können.

Lesen ist eine zentrale Kulturtechnik, die den Zugang zu allen weiteren Bildungsbereichen öffnet – und doch zeigt die Pisa-Studie von 2022 einen leichten Rückgang der Lesekompetenz bei Schweizer Jugendlichen. Der Grundstein für die Freude am Lesen wird bereits viel früher, im Kindesalter, gelegt. Familien und Lehrpersonen können mit ansprechenden (Vor-)Leseangeboten die Neugier der Kinder wecken und dazu beitragen, dass sie sich auch in ihrer Freizeit gerne in ein Buch vertiefen.

 

Warum ist die frühschulische Leseförderung so wichtig?

Zuerst die gute Nachricht: Die Lesekompetenz liegt in der Schweiz leicht über dem OECD-Durchschnitt und die Schweizerinnen und Schweizer können nach wie vor mit den anderen deutschsprachigen Ländern mithalten. Und doch fällt auf, dass die Lesekompetenzen der Schweizer Jugendlichen in der Tendenz leicht abnehmen. 25 % der 15-Jährigen verfügt sogar über unzureichende Lesekompetenzen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, ist es wichtig, Kinder bereits früh zu fördern. Wenn Kinder schon im Kindergarten und in der Unterstufe Sprache, Geschichten und Bücher als bereichernd erleben, wächst die Basis für ein nachhaltiges Leseinteresse. Leseförderung ist dabei nicht allein Aufgabe des Deutschunterrichts, sondern ein schulübergreifendes Anliegen. Sie betrifft alle Fachbereiche, in denen Sprache, Verstehen und Kommunikation eine Rolle spielen – vom Sport- über den TTG- bis zum Mathematikunterricht.

Exkurs: Legasthenie und Logopädie

Nicht immer steckt hinter der schwachen Leseleistung mangelnde Motivation. Für Kinder mit einer Legasthenie werden die täglichen schulischen Anforderungen zur Herausforderung; das Lesen von schriftlichen Anleitungen, das Schreiben von Notizen und das Lösen von Hausaufgaben fallen schwer. Betroffene brauchen eine gezielte Unterstützung von Fachpersonen und Hilfestellungen im Unterricht.

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Warum Lesen mehr ist als eine schulische Kompetenz

Lesen öffnet den Kindern ein Tor zur Welt. Lesen erweitert den Horizont, stärkt die Fantasie, fördert Empathie und eröffnet neue Denk- und Ausdrucksmöglichkeiten. Durch Geschichten lernen Kinder, fremde Perspektiven zu übernehmen und Zusammenhänge zu verstehen. Lesen hat aber auch eine emotionale Komponente: Ein gutes Buch kann trösten oder Mut machen. Finden Kinder eigene Herausforderungen in den Geschichten wieder, fühlen sie sich weniger allein und werden angeregt, lösungsorientiert mit ähnlichen Situationen umzugehen.

Lehrmittel für die Leseecke:

Unsere Tipps für mehr Lesefreude

Lesen lernen ist ein dynamischer Prozess, in dem die Schülerinnen und Schüler verschiedene Phasen durchlaufen. Der Startschuss fällt mit dem Erkennen von Zeichen, Buchstaben und Wörtern und dem Erfassen von Wortbedeutungen. Danach geht es vor allem darum, die Beziehung zwischen Aufbau und Sinneszusammenhang von Wörtern, Teilsätzen und Sätzen zu verstehen. Schliesslich integrieren die Kinder satzübergreifende Bedeutungseinheiten und erfassen damit die Bedeutung des Gesamttextes (Freude am Lesen, 2017). Die folgenden Tipps sollen Sie dabei unterstützen, Kinder durch diese Prozesse zu begleiten, damit sie zu begeisterten Leserinnen und Lesern werden.

1. Den Wortschatz ausbauen

Enthält ein Text viele unbekannte Wörter, ist der Text nur schwer verständlich und das Lesen macht keinen Spass. Die Anzahl unbekannter Wörter wird reduziert, wenn von Anfang an ein angemessenes Gewicht auf die Wortschatzförderung gelegt wird. Unterstützen Sie Kinder dabei, unbekannte Wörter zu entschlüsseln (Juska-Bacher, Brugger & Lingg, M, 2024). Dadurch ergibt sich eine positive Aufwärtsspirale: Kinder, die viele Wörter kennen, lesen flüssiger und lernen dabei neue Wörter kennen. Eine abwechslungsreiche Mischung aus Bilderbüchern, Erstlesetexten und Sachgeschichten ermöglicht individuelle Zugänge.

Toys for Life für die Wortschatzförderung:

2. Lesen ins Zentrum stellen

Lesen soll nicht als lästige Aufgabe erlebt werden, sondern als selbstverständlicher Teil des Kindergarten- und Schulalltags. Rituale wie der regelmässige Besuch der Schulbibliothek, eine tägliche oder wöchentliche Lesezeit, Buchvorstellungen, Lesepässe oder Bücherkisten mit wechselnden Angeboten können einen grossen Unterschied machen. Auch das Einbeziehen der Familie – etwa durch Lesetipps, Bücherausleihen oder Eltern-Vorlesetage – fördert eine gemeinsame Lesekultur.

3. Geschichten lebendig machen

Vorlesen ist eine wirksame Form der Leseförderung. Wenn Kinder Geschichten hören, entwickeln sie ein Gefühl für Sprache, Rhythmus und Ausdruck. Dabei spielt die Art des Vorlesens eine grosse Rolle: Mit verteilten Rollen, Stimmen oder Gesten wird eine Geschichte lebendig. Auch das gemeinsame Nacherzählen, Nachspielen oder Illustrieren vertieft das Verständnis und die Freude am Inhalt. Können Schülerinnen und Schüler bereits flüssig und selbstständig Bücher lesen, werden sie eingeladen, sich durch Fragen und Diskussionen mit dem Inhalt und auch mit den Autorinnen und Autoren auseinanderzusetzen. Ein Lesetagebuch kann helfen, das Gelesene in einen Kontext zu setzen und Ideen für einen späteren Vortrag zu sammeln.

4. Eine gemütliche Leseecke gestalten

Die Gestaltung des Leseortes hat einen grossen Einfluss darauf, ob sich Kinder gern mit Büchern beschäftigen. Eine Leseecke sollte Geborgenheit und Ruhe vermitteln, gleichzeitig aber auch Neugier wecken. Weiche Sitzgelegenheiten wie Kissen, Teppiche oder Sitzsäcke laden zum Verweilen ein. Ein niedriges Regal mit sichtbar aufgestellten Büchern erleichtert die Auswahl. Pflanzen, Lichterketten oder ein Baldachin schaffen eine behagliche Atmosphäre. Kinder sollten beim Einrichten mitbestimmen dürfen: Sie können selbstgemalte Buchzeichen, Plakate oder Illustrationen beisteuern.

Wechselnde Themenkisten – etwa «Tiere im Winter», «Abenteuer im All» oder «Freundschaft» – regen zum Entdecken an. Auch ein kleiner Platz für Hörbücher oder Comics kann die Leseecke ergänzen. So entsteht ein Ort, an dem Kinder Geschichten mit allen Sinnen erleben können.

Artikel für die Leseecke:

Literaturverzeichnis

Department Bildung und Kultur, Appenzell Ausserrhoden (2017). Freude am Lesen – Ein Konzept zur Förderung des Lesens. Herisau

Juska-Bacher, B.; Brugger, L. & Lingg, M. (2024). Wie Drittklässler:innen beim Lesen unbekannte Wörter entschlüsseln oder «einfach schnell geraten»? wbv, Bielefeld